Die Geschichte des Kaufs. Eine lange lange Geschichte …
Alles begann mit diesem Inserat Anfang März 2019. Eigentlich waren wir ja auf der Suche nach einem alten, zum Wohnschiff umgebauten, mindestens 15 Meter langem und mindestens 80-jährigem „Fluss-Kahn“. Das hier angebotene Boot passte also überhaupt nicht, also wirklich ganz und gar nicht … 🤔.
Irgendwie gefiel uns jedoch die Linie dieses Trawlers, der Grundriss, die Technik … je genauer wir uns das Boot anschauten, desto „gwundriger“ wurden wir. Vielleicht …
Kurzentschlossen fuhren wir schon einige Tage später, noch im März 2019, nach Saint-Jean-de-Losne zu H2O, dem Makler, um die „Horizon“ zu besichtigen. Und ja, sie gefiel uns. Ein schöner, grosser Salon, zwei Kajüten mit je einem freistehenden Doppelbett, grosse Terrasse mit Aussen-Steuerstand … aber eben, viel zu jung, kaum 30-jährig und überhaupt, wir waren ja auf der Suche nach einem alten „Fluss-Kahn“ …
Kaum zu Hause studierten wir wieder die Fotos und Unterlagen der „Horizon“, sie ging uns nicht mehr wirklich aus dem Sinn. Mangels anderer interessanter Angebote holten wir weitere Infos ein, Fotos, technische Unterlagen etc. Wirklich ein spannendes Boot, aber eben, …
Am Wochenende des 27./28. April 2019 fand in Saint-Jean der alljährliche „Salon Fluvival„, eine Bootsmesse, statt. Natürlich waren wir auch dabei und besichtigten, wen wunderts, auch die „Horizon“. Wir schauten uns auch andere Boot wie z.B. die „Baraccuda“ an (ein alter „Fluss-Kahn“ 😁), aber auf der Heimfahrt sprachen wir dann doch wieder nur über die „Horizon“ 😏.
Und das Ganze nahm seinen Lauf. Am 8. Mai 2019 schrieb ich Nicolas, einem Verkäufer von H2O, eine Mail zum Start des Kauf-Prozesses. Ja, ein Bootskauf ist wirklich ein Prozess, da ist nix mit Probefahrt, Vertrag unterschreiben und gut ist. Wie das in etwa in Frankreich abläuft findet man auf der Homepage www.kinette.ch – übrigens eine sehr informative Seite eines sehr erfahrenen Fluss-Ehepaares – unter den FAQ’s „Wie wird ein Schiffskauf abgewickelt?“ sehr gut beschrieben.
Kurze Zusammenfassung eines Kauf-Prozesses:
- Boot so gut wie möglich besichtigen, auch hinter die Fassade schauen
- Probefahrt
- (erste) Preisverhandlung
- Vertragsunterzeichnung mit Rücktrittsklauseln:
- Gutachten durch neutralen Experten:
- alle Mängel „unter Wasser“ (Rumpf, Schraube etc.) müssen durch Verkäufer behoben werden bis z.B. 10% des Verkaufspreises, darüber hat der Verkäufer Rücktrittsrecht
- Jeder Mangel „oberhalb Wasser“ (Elektrik, Gas, Motor etc.) welcher durch den Experten als „kritisch“ bezeichnet wird gibt dem Käufer das sofortige Rücktrittsrecht
- Gutachten durch neutralen Experten:
- Experte erstellt Gutachten
- Allenfalls Neuverhandlung des Kaufpreises entsprechend der Expertise und den Offerten für die Mängelbehebung
- Abbruch des Kauf-Prozesses 😥oder Übernahme des Bootes 😀
Das tönt ja soweit alles recht einfach, dauerte bei uns dann aber gut 7 Monate 🤔.
Am 10. Mai 2019 machten wir dem Verkäufer via H2O – den Verkäufer haben wir leider nie persönlich kennengelernt – unser erstes Angebot, natürlich ein Stück tiefer als ausgeschrieben 😁. Der Verkäufer war mit dem Angebot sofort einverstanden 👍.
Also ab nach Saint-Jean-de-Losne zur Vertragsunterzeichnung. Bereits am 15. Mai 2019 waren wir wieder bei H2O und machten unsere erste kurze Fahrt mit der „Horizon“ zusammen mit Nicolas, dem Makler der H2O.
Die „Horizon“ machte auf diesem kurzen Ausflug einen guten Eindruck, machte gute Fahrt, war einfach zu manövrieren und die Motorengeräusche und die Vibrationen hielten sich im angenehmen Bereich.
Zurück im Büro der H2O war klar, wir unterschreiben den Kaufvertrag. Es folgten noch einige Diskussionen über exakten Wortlaut und Inhalt des Vertrages, speziell betreffend Rücktrittsrechten aufgrund der Ergebnisse der externen Expertise. Dies erfolgte jedoch in sehr angenehmer Atmosphäre mit Nicolas und so konnten wir den Vertrag tatsächlich noch am 15. Mai 2019 unterzeichnen. Kurz darauf leisteten wir die Anzahlung in der Höhe von 10% des vereinbarten Kaufpreises. Nun waren wir , wie wir meinten, beinahe schon die Eigner der „Horizon“.
Am 20. Mai 2019 erhielten wir von Nicolas den Bescheid, dass die bisherigen Eigner den Kaufvertrag ebenfalls unterschrieben hätten. Gleichentags beauftragten wir den Boots-Experten Herrn Aurélien Regent der Firma Cabinet RG Conseil mit der Erstellung einer umfangreichen Expertise. Eine solche Expertise beinhaltet eine Begutachtung des Bootes im Wasser mit einer Testfahrt und ausführlicher Untersuchung aller zugänglichen technischen Komponenten wie natürlich des Motors, aller Nebenaggregate, Filter, Heizung, Generator, Diesel- & Wasssertanks, alle Leitungen, elektrische Installationen, Batterien und und und.
Dann wird das Boot aus dem Wasser genommen, an Land werden alle Teile unterhalb der Wasserlinie kontrolliert. Dazu gehören eine Materialdickenmessung des Rumpfes (Ultraschall), Überprüfung der Rumpfdurchlässe, Schraube, Ruder etc.
Am 31.05.2019 begutachtete der Experte, Herr Regent, die „Horizon“ auf dem Wasser, am 07.06.2019 auf dem Land. Zur Vorbesprechung des provisorischen Gutachtens fuhren wir am 28.06.2019 wieder nach Saint-Jean-de-Losne und besprachen direkt in und um die „Horizon“ die Ergebnisse.
Am 02.07.2019 lieferte Herr Regent ein umfangreiches, 35-seitiges Gutachten ab. Kurz zusammengefasst, die „Horizon“ war dem Alter entsprechend in einem guten Zustand. Allerdings war auch klar ersichtlich, dass sie über die letzten Jahre etwas vernachlässigt wurde und nicht alle Reparaturen fachmännisch ausgeführt waren. Auch die elektrische Installation entsprach nicht mehr den heutigen Gepflogenheiten.
Aber das Wichtigste: die Materialmessung zeigte, dass der Rumpf in sehr gutem Zustand war, es gab keine keinerlei „Ausdünnungen“ oder Hinweise auf Deformationen, die Stahldicke war über den ganzen Rumpf noch immer wie beim Stapellauf.
Alle untersuchten Punkte waren im Gutachten klassifiziert nach: gut/zu beobachten/kritisch. „Zu beobachten“ bedeutet, sollte im Auge behalten und allenfalls behoben werden, mit „Kritisch“ bezeichnete Punkte sollten dringend behoben werden. Die kritischen Punkte haben auch Relevanz bezüglich des Kaufvertrages, bestimmen diese doch ob der Verkäufer noch Reparaturen auf seine Kosten durchführen muss oder ob sich daraus ein Rücktrittsrecht für den Verkäufer oder Käufer ergibt.
Wichtig: wir empfehlen jedem, der vor dem Entscheid steht ein Boot das im gefällt zu kaufen, dringend eine Expertise durch einen unabhängigen Experten erstellen zu lassen. Nicht nur dass das einem Sicherheit und eine bessere Position im weiteren Verkaufsprozess gibt, man kennt nach einer solchen Expertise beinahe jede Schraube, jeden Filter, Schlauch etc. Man erhält quasi einen Arbeitsplan mit Prioritäten und weiss, welche Arbeiten man im welchen Zeitraum ausführen sollte, damit man lange an seinem Boot Freude haben kann.
Anhand des Gutachten liessen wir von H2O, sie haben auch eine eigene Werft, eine Offerte über die Instandstellung aller kritischen Punkte erstellen. Diese Offerte teilten wir mit dem Eigner der uns umgehend mitteilen liess, dass er nicht bereit sei all diese Kosten zu übernehmen. Gemäss Verkaufs-Prozess hatten wir nun nur die Möglichkeit den Vertrag zu erfüllen, heisst den vereinbarten Preis zu bezahlen, oder vom Vertrag zurückzutreten.
Am 10. Juli 2020 teilten wir dem Eigner mit eingeschrieben Brief mit, dass wir vom Kaufvertrag zurücktreten. Wir seien jedoch bereit mit ihm über einen tieferen Kaufpreis zu verhandeln.
Das wars dann, dachten wir. So schwimmt uns unser Boot davon …
Der Verkäufer signalisierte uns aber umgehend, dass er bezüglich Kaufpreis gesprächsbereit sei. Nach einigem hin und her, verschiedenen Abklärungen und langem Nachdenken machten wir dem Verkäufer am 25. Juli 2020 ein neues, definitives Angebot zur Übernahme der „Horizon“ im aktuellen Zustand, welches er zwei Tage später akzeptierte 👍😀.
Das passte. Wir waren am 24. Juli 2020 mit einem Mietboot in Savoyeux für eine zweiwöchige Saône-Reise losgetuckert und nahmen sofort Kurs auf Saint-Jean-de-Losne. Am 31. Juli 2020 unterschrieben wir bei H2O den Kaufvertrag für die „Horizon“. Nun benötigte es nur noch die Unterschrift des Verkäufers … das dauerte aber, und dauerte … am 28. August erhielten wir den von allen Parteien unterschriebenen Kaufvertrag, wir waren Bootsbesitzer 🍾🥂🍾.
So gingen von der ersten Besichtigung bis zum abgeschlossenen Verkauf 5 Monate ins Land (bzw. Wasser 😉). Eine sehr intensive Zeit mit viel Ungewissheit, Unsicherheiten (sollen wir oder …) einigen Autokilometern, viele dutzende von Mails und Telefongesprächen, Diskussionen mit Experten … Aber wir haben auch viel gelernt und sind uns sicher (oder hoffen 🤔) ein für uns perfektes Boot zu einem vernünftigen Preis gefunden zu haben.
Nun, wie geht es weiter? Wir haben beschlossen, dass die „Horizon“ die nächsten Jahre ihren Liegehafen in Corre haben soll. Der Hafen da gefällt uns sehr, wir waren schon einige Male mit dem Wohnmobil auf dem zum Hafen gehörenden Wohnmobilstellplatz. Zum Hafen gehört auch eine Werft, welche uns von Ruedi und Chrigel wärmstens empfohlen worden war. Der Hafen und die Werft werden von einem Schweizer Ehepaar geführt, was die Kommunikation, auch für die Besprechung der anstehenden Arbeiten, doch stark vereinfacht 😉. Auch ist die Fahrzeit nach Corre etwas kürzer als nach Saint-Jean-de-Losne, ohne Verkehr gerechnet ist Corre von Felben aus in ca. 3 1/2-Stunden erreichbar.
So geht es nun an die Planung der Überführung der „Horizon“ nach Corre (Blog: Überführung der Horizon nach Corre) und an die Planung all der Arbeiten, welche wir über den Winter durch die Werft erledigen lassen möchten (Blog: Die Horizon in der Werft).



